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zwergenalltag

Wenn aus Spielen plötzlich Schuhe werden

RoutinenRosalia Albescu5 Minuten Lesezeit
Eine Bezugsperson schlägt Teig in einer gelben Schüssel auf, ein Kind hebt einen Teiglöffel hoch, daneben stehen ein Stapel Pfannkuchen und eine Pfanne.

Ein Zwerg kniet bei den Bauklötzen, ich stehe mit zwei Schuhen in der Hand an der Tür, und auf der Fensterbank läuft eine Sanduhr ohne Zahlen. Der Turm ist fast fertig. Ich bin es auch, nur anders.

Ein Zwerg kniet bei den Bauklötzen, ich stehe mit zwei Schuhen in der Hand an der Tür, und auf der Fensterbank läuft eine Sanduhr ohne Zahlen. Der Turm ist fast fertig. Ich bin es auch, nur anders.

„Wir müssen los“ ist bei uns ein Satz, der selten funktioniert. Nicht, weil das Kind nicht hört. Der Satz verlangt, dass ein Vorhaben in einer Sekunde endet, nur weil ein Erwachsener eine Uhr im Kopf hat.

Ein Übergang ist keine Unterbrechung, sondern ein eigener kleiner Weg. Er braucht eine Vorankündigung, ein sichtbares Ende und eine Wahl, die wirklich eine Wahl ist.

Warum Kinder mitten im Spiel nicht hören

Ein Bauklotz ist für ein Kind kein Klotz. Er ist ein Fundament, eine Wand, ein Turm, ein Plan. Wer mitten in diesem Plan ruft, unterbricht ein Vorhaben. Kein Spiel, das man eben unterbricht und später weitermacht.

Für Erwachsene ist ein Übergang ein Wechsel von einer Tätigkeit zur nächsten. Für Kinder ist er oft ein Verlust, der erst verdaut werden muss. Deshalb hilft es, den Übergang wie einen eigenen Abschnitt zu behandeln und nicht wie eine Durchsage aus der Küche.

Fünf Minuten sind für ein Kind zunächst ein Wort. Es kann damit wenig anfangen, solange es nicht sieht, was in diesen fünf Minuten passiert. Ein sichtbares Zeichen erklärt mehr als jede genauere Zeitangabe.

Es gibt Ausnahmen. Wenn es brennt oder jemand blutet, wird gehandelt, nicht angekündigt. Für alles andere darf ein Übergang ein paar Minuten dauern.

Die Schrittfolge

  1. Zweimal ankündigen, nicht fünfmal. „In fünf Minuten gehen wir los.“ Später ein zweiter Hinweis, kürzer. Wer zehnmal erinnert, hat am Ende zehn Verhandlungen geführt und eine davon verloren.
  2. Ein Abschlusszeichen setzen. Die Sanduhr auf der Fensterbank, ein Lied, das Licht im Flur. Das Zeichen gehört dem Ablauf, nicht mir. Mit einer Sanduhr streitet sich ein Kind seltener als mit einem Erwachsenen.
  3. Zwei nächste Schritte anbieten. „Erst Schuhe oder erst Jacke?“ Beide Antworten führen zum Ziel. Eine Frage, auf die es ein Nein gibt, ist keine Wahl. Sie ist eine Einladung zum Streit.
  4. Eine Brücke bauen. Der Bauklotz darf mit in den Flur. Er darf nicht mit in die Kita-Tasche, und das sage ich vorher. Die Brücke ist ein Stück Spiel, das den Weg mitgeht.
  5. Nicht umkehren. Ein Kuss ist erlaubt, drei Küsse sind ein neuer Abschied. Wer danach noch einmal zurückgeht, verlängert den Übergang für alle.

Abschlusszeichen, die ohne mich funktionieren

Ein Zeichen muss sichtbar oder hörbar sein, und zwar dort, wo das Kind gerade ist. Ein Zuruf aus dem Nebenzimmer ist ein Geräusch, das man überhören kann.

Was bei uns funktioniert:

  • Die Sanduhr ohne Zahlen. Sie zeigt nicht, wie viel Zeit vergangen ist. Sie zeigt, dass Zeit läuft. Kinder müssen keine Ziffern lesen können, um den Sand zu sehen.
  • Ein Lied, das immer dasselbe ist. Nicht das schönste Lied, das wir kennen. Das gleichbleibende. Nach zwei Wochen summt es ein Kind mit.
  • Das Licht im Flur. Es geht an, wenn der nächste Schritt beginnt. Es geht aus, wenn wir losgehen.
  • Die Jacke, die schon an der Tür hängt. Wer nichts mehr suchen muss, hat einen Schritt weniger zu verhandeln.

Ein Zeichen, das nur bei Streit auftaucht, wirkt wie eine Strafe. Deshalb benutze ich es auch an ruhigen Tagen.

Wird das Zeichen dreimal hintereinander ignoriert, hilft ein viertes nicht. Dann gehe ich hin, setze mich kurz dazu und sage, dass es jetzt losgeht. Nähe ist auch ein Zeichen, nur ein langsameres.

Wenn es vorher laut geworden ist: die Reparatur

Manchmal geht der Übergang schief. Ich habe gerufen, ein Kind hat geweint, und die Schuhe waren am Ende trotzdem nicht an. Für diese Fälle habe ich eine kurze Reparatur, die vier Sätze braucht:

  1. Anhalten. Nicht die Diskussion gewinnen wollen. Gewinnen kann ich sie ohnehin nur gegen jemanden, der kleiner ist.
  2. Benennen, was passiert ist. „Ich habe gerufen. Du hast geweint.“ Ohne Schuldzuweisung, ohne Drama.
  3. Den eigenen Anteil sagen. „Ich war zu schnell.“ Das ist kein Autoritätsverlust. Das ist der Grund, warum ein Kind zuhört.
  4. Neu anfangen. „Wir fangen nochmal an. Ich hole die Schuhe, du suchst die Jacke.“

Was danach nicht kommt: eine Predigt oder ein Nachtrag beim Abendessen. Eine Reparatur ist kein Erziehungsmoment, sondern ein Neuanfang. Kinder lernen daraus mehr als aus einer Ermahnung, die sie schon beim ersten Satz nicht mehr hören.

Welche Übergänge am schwersten sind

Der schwierigste Übergang ist bei uns der Morgen. Draußen ist es hell, drinnen ist es warm, und alle haben unterschiedlich gut geschlafen. Wie ein Morgen mit etwas Luft aussieht, steht in Morgens aus dem Haus.

Schwer sind auch Regentage. Wenn draußen nichts lockt, muss der Weg selbst interessant werden: die Pfütze, die Gummistiefel, die Strecke, die wir sonst nie gehen. Dazu steht einiges in Was an Regentagen aus einer Wohnung wird.

Und dann ist da die Sucherei. Ein Kind kann nur in die Schuhe steigen, wenn jemand vorher beide Schuhe gefunden hat. Was am Abend dagegen hilft, steht in die 15-Minuten-Rettung für vergessene Kita-Sachen.

Was die Sanduhr nicht kann

Eine Sanduhr misst keine Zeit, sie macht sie sichtbar. Sie kann einen Übergang nicht erzwingen, und sie ersetzt keine Begleitung. Manche Kinder wechseln schnell, andere brauchen länger. Das ist kein Zeichen von Trotz.

Wenn ein Kind bei fast jedem Übergang weint, erstarrt oder sich lange nicht beruhigt, liegt das nicht an der falschen Sanduhr. Ein Gespräch in der Kita oder in der Kinderarztpraxis ist dann ein normaler nächster Schritt und keine Niederlage.

Übergänge werden nicht dadurch leichter, dass Kinder gehorchen. Sie werden leichter, wenn alle wissen, was gerade zu Ende geht und was danach kommt. Der Turm bleibt stehen. Die Schuhe warten. Und irgendwann gehen wir los.

Vielleicht passt das noch